
Das I Ging – Das Buch der Wandlungen
Eine Einführung in eines der ältesten Weisheitsbücher der Menschheit
Das I Ging, chinesisch Yijing Yijing (易經) wird im Deutschen meist als „Buch der Wandlungen“ bezeichnet. Es gehört zu den ältesten und einflussreichsten klassischen Texten Chinas. Seine Ursprünge reichen ungefähr drei Jahrtausende zurück. Ursprünglich war es eng mit der chinesischen Orakel- und Weissagungstradition verbunden. Im Laufe der Jahrhunderte wurde daraus jedoch weit mehr: ein Buch über das Leben, über Veränderung, über Entscheidungen und über die Frage, wie der Mensch sich in einer sich ständig wandelnden Welt verhalten kann. (Stanford Encyclopedia of Philosophy)
Ich selbst bin in das Thema iGing eingetaucht und Studiere/ Lerne seit mehr als drei Jahren intensiv um dieses alte Wissen zu verstehen und wie es in den Alltag integriert werden kann. Das I Ging gibt deshalb keine einfachen Antworten nach dem Muster „Das wird passieren.“ Seine eigentliche Stärke liegt eher in einer anderen Frage:
„Was geschieht gerade – und wie kann ich mich sinnvoll dazu verhalten?“
Das macht das I Ging bis heute interessant.
Was bedeutet „I Ging“?
Der chinesische Name Yijing setzt sich aus zwei Begriffen zusammen.
Der chinesische Name Yijing setzt sich aus zwei Begriffen zusammen.
Yi (易) bedeutet ungefähr „Wandlung“, „Veränderung“ oder „Wechsel“.
Jing (經) bezeichnet einen klassischen oder grundlegenden Text.
„Buch der Wandlungen“ ist deshalb eine gute deutsche Wiedergabe. Der Begriff „Wandlung“ ist dabei besonders wichtig. Das I Ging geht nämlich von einer einfachen Beobachtung aus:
Alles verändert sich.
- Der Tag wird zur Nacht.
- Der Frühling geht in den Sommer über.
- Ein Kind wird erwachsen.
- Eine Beziehung verändert sich.
- Ein Konflikt kann sich zuspitzen oder lösen.
- Ein Erfolg kann irgendwann zum Problem werden.
- Eine Krise kann wiederum der Anfang einer neuen Entwicklung sein.
Nichts bleibt für immer so, wie es gerade ist. Das I Ging versucht, diese Veränderungen verständlich zu machen.
Das Leben als ständiger Wandel
Eine der grundlegenden Ideen des I Ging lautet: Eine Situation ist niemals endgültig. Wenn wir uns beispielsweise in einer schwierigen Lebensphase befinden, erleben wir diese Situation häufig als etwas Feststehendes. „So ist es nun einmal.“ Das I Ging würde einen anderen Blickwinkel vorschlagen.
Es würde fragen:
- Wie ist diese Situation entstanden?
- Welche Kräfte wirken gerade?
- Was unterstützt die Entwicklung?
- Was behindert sie?
- Was sollte ich jetzt tun?
- Was sollte ich besser unterlassen?
- Ist jetzt der richtige Zeitpunkt zum Handeln?
- Oder wäre Geduld sinnvoller?
Damit richtet sich der Blick weg von einem vermeintlich unveränderlichen Zustand und hin zum Prozess. Das ist einer der faszinierendsten Gedanken des I Ging.
Yin und Yang
Sehr bekannt ist das I Ging im Zusammenhang mit Yin und Yang. Yin und Yang stehen für zwei grundlegende, miteinander verbundene Kräfte oder Qualitäten. Vereinfacht gesagt kann man sie folgendermaßen verstehen: Dabei ist wichtig: Yin ist nicht „schlecht“ und Yang ist nicht „gut“. Das ist ein häufiges Missverständnis. Die beiden Kräfte brauchen einander. Ruhe und Aktivität gehören zusammen. Nacht und Tag gehören zusammen. Einatmen und Ausatmen gehören zusammen. Anspannung und Entspannung gehören zusammen. Das Entscheidende ist deshalb nicht, ob etwas Yin oder Yang ist.
Die entscheidende Frage lautet: Ist das Verhältnis der Kräfte in dieser Situation angemessen?
Die Yin-Yang-Zuordnung wurde im Laufe der Geschichte eng mit dem Yijing verbunden; historisch ist allerdings zu beachten, dass die frühesten Schichten des Textes nicht einfach mit der später ausgearbeiteten Yin-Yang-Lehre gleichgesetzt werden dürfen
Das I Ging ist kein normales Buch
Das I Ging liest man nicht unbedingt wie einen Roman. Man beginnt nicht auf Seite 1 und liest anschließend Seite 2, 3, 4 und so weiter. Traditionell wird das Buch häufig befragt. Jemand stellt eine Frage zu einer Situation. Anschließend wird durch ein bestimmtes Verfahren ein Hexagramm ermittelt.
Traditionell wurden dafür beispielsweise Schafgarbenstängel verwendet. Später verbreitete sich auch die einfachere Methode mit Münzen. YYijing Portal: Das Ergebnis führt zu einem bestimmten Hexagramm. Dieses wird anschließend interpretiert.
Wie funktioniert eine Befragung?
Nehmen wir an, jemand steht vor einer wichtigen Entscheidung. Zum Beispiel: „Soll ich meinen bisherigen beruflichen Weg verlassen und etwas Neues beginnen?“
Man erzeugt nun nach einer traditionellen Methode sechs Linien. Aus diesen Linien entsteht ein Hexagramm. Das Hexagramm liefert anschließend einen Text beziehungsweise ein Bild, das auf die Situation bezogen interpretiert wird.Dabei geht es nicht unbedingt um eine einfache Antwort wie: „Ja.“ oder „Nein.“
Viel interessanter ist die Frage: Welche Kräfte bestimmen meine Situation?
Vielleicht lautet die Botschaft sinngemäß: „Du möchtest zu schnell handeln.“ oder: „Die Voraussetzungen sind noch nicht geschaffen.“ oder: „Der Zeitpunkt für Veränderung ist günstig.“ oder: „Ziehe dich zunächst zurück und beobachte.“ Damit wird das I Ging zu einer Art Spiegel für eine Situation.Was sind „bewegte Linien“?
Eine besondere Rolle spielen die sogenannten wandelnden oder bewegten Linien. Sie zeigen an, dass innerhalb der aktuellen Situation eine Veränderung stattfindet. Dadurch kann aus einem Hexagramm ein anderes entstehen. Das ist ein schönes Bild für das Grundprinzip des I Ging: Eine Situation bleibt nicht, wie sie ist. Ein bestimmter Zustand enthält bereits die Möglichkeit seiner Veränderung. Man könnte es sich so vorstellen: Gegenwart → Entwicklung → neue Situation. Die bewegten Linien machen diese Entwicklung sichtbar.
Das I Ging als Spiegel
Hier liegt möglicherweise die interessanteste moderne Interpretation des I Ging. Man muss nicht glauben, dass das Buch auf übernatürliche Weise die Zukunft kennt, um etwas aus ihm lernen zu können. Man kann es auch als Reflexionsinstrument verwenden. Wenn wir eine schwierige Frage haben, sehen wir die Situation meistens aus unserer gewohnten Perspektive.
Wir denken: „Ich weiß doch, wie die Sache ist.“ Das I Ging zwingt uns möglicherweise dazu, einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Ein scheinbar zufälliges Hexagramm führt uns zu einem bestimmten Bild oder Text. Wir beginnen darüber nachzudenken. Und plötzlich erkennen wir vielleicht etwas, das wir vorher nicht gesehen haben. In diesem Sinne kann das I Ging wie ein Spiegel funktionieren. Nicht unbedingt ein Spiegel, der uns zeigt, was passieren wird, sondern einer, der uns zeigt, wie wir eine Situation betrachten.
Ist das I Ging Wahrsagerei?
Historisch gesehen: Ja, das I Ging hat eine starke Verbindung zur Wahrsage- und Orakelpraxis. Seine älteren Textschichten waren mit Divination verbunden. Im Laufe seiner Geschichte entwickelte es sich jedoch zu einem philosophischen Klassiker, dessen Kommentare kosmologische, ethische und menschliche Fragen behandelten. (Stanford Encyclopedia of Philosophy)
Heute kann man deshalb zwei unterschiedliche Zugänge unterscheiden.
a) Der traditionelle Zugang: Man betrachtet das Hexagramm als Orakel und erwartet eine Aussage über die Entwicklung einer Situation.
b) Der philosophische Zugang; Man benutzt das Hexagramm als Anstoß zur Reflexion. Beide Zugänge haben ihre eigene Geschichte. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es allerdings keinen belastbaren Nachweis dafür, dass ein durch Münzen oder andere Zufallsverfahren erzeugtes Hexagramm objektiv zukünftige Ereignisse vorhersagen kann. Das bedeutet nicht, dass die Beschäftigung mit dem I Ging sinnlos ist. Es bedeutet lediglich, dass man zwischen spiritueller Überzeug-ung und wissenschaftlich überprüfbarer Vorhersage unterscheiden sollte.
Die vielleicht wichtigste Botschaft: Der richtige Zeitpunkt
- Eine der schönsten Ideen des I Ging ist die Bedeutung des richtigen Zeitpunkts.
- Nicht jede Handlung ist immer richtig.
- Manchmal ist Handeln notwendig.
- Manchmal ist Abwarten klüger.
- Manchmal muss man sich durchsetzen.
- Manchmal sollte man nachgeben.
- Manchmal muss man kämpfen.
- Manchmal ist Rückzug die bessere Entscheidung.
- Das I Ging fragt deshalb nicht nur:
- „Was soll ich tun?“
Sondern:
- „Was ist jetzt angemessen?“ Das kleine Wort „jetzt“ ist entscheidend. Denn dieselbe Handlung kann zu einem bestimmten Zeitpunkt sinnvoll und zu einem anderen Zeitpunkt falsch sein.
Ein einfaches Beispiel
Stell dir einen Menschen vor, der einen Konflikt mit einem anderen Menschen hat. Seine erste Reaktion könnte sein: „Ich muss mich sofort durchsetzen.“
Das I Ging könnte ihn dagegen zu einer anderen Betrachtung führen: Ist jetzt wirklich der richtige Zeitpunkt für Konfrontation? Vielleicht würde eine andere Strategie mehr bewirken:
- zuhören
- Abstand gewinnen
- Informationen sammeln
- geduldig bleiben
- den anderen verstehen
- später handeln
Das bedeutet nicht, dass das I Ging immer zu Passivität rät. Ganz im Gegenteil. Es gibt Situationen, in denen entschlossenes Handeln notwendig ist. Die entscheidende Fähigkeit besteht darin, den Unterschied zu erkennen.
Das I Ging und die menschliche Entwicklung
Das I Ging beschäftigt sich deshalb nicht nur mit äußeren Ereignissen. Es beschäftigt sich auch mit dem Menschen selbst. Ein Mensch verändert sich ständig.
- Wir lernen.
- Wir machen Fehler.
- Wir gewinnen Erfahrung.
- Wir verlieren etwas.
- Wir beginnen neu.
- Wir entwickeln neue Vorstellungen.
Das I Ging kann dabei als Aufforderung verstanden werden, nicht an einem bestimmten Zustand festzuhalten. Wenn etwas endet, muss das nicht ausschließlich Verlust bedeuten. Es kann gleichzeitig der Beginn von etwas Neuem sein. Und wenn etwas sehr erfolgreich ist, bedeutet das nicht automatisch, dass dieser Zustand dauerhaft bestehen bleibt. Auch Erfolg verändert sich.
Erfolg und Misserfolg
Das I Ging betrachtet Erfolg und Misserfolg nicht als endgültige Zustände. Das ist ein wichtiger Gedanke. Ein Mensch kann heute erfolgreich sein und morgen scheitern. Ein anderer kann heute scheitern und später gerade daraus etwas Wertvolles entwickeln. Deshalb sollte man sich weder vom Erfolg berauschen noch vom Misserfolg vollständig entmutigen lassen. Beides sind Zustände innerhalb eines größeren Wandlungsprozesses. Man könnte die Haltung des I Ging ungefähr so zusammenfassen: Nichts ist endgültig – weder die Krise noch der Erfolg.
Das I Ging und die persönliche Verantwortung
Eine oberflächliche Beschäftigung mit Orakeln könnte zu der Vorstellung führen: „Das Buch hat mir gesagt, was ich tun soll.“ Das wäre allerdings eine problematische Haltung. Denn dann würde man die eigene Verantwortung an das Orakel abgeben. Eine tiefere Interpretation des I Ging geht in die entgegengesetzte Richtung. Das Hexagramm soll nicht unbedingt die Entscheidung für uns treffen. Es soll uns helfen, die Situation besser zu verstehen. Die Verantwortung bleibt beim Menschen. Das ist philosophisch sehr bedeutsam.
Das I Ging als Schule der Aufmerksamkeit
Man könnte das I Ging deshalb als eine Art Schule der Aufmerksamkeit betrachten. Es fordert uns auf, genauer hinzusehen. Was geschieht wirklich?
- Was bilde ich mir nur ein?
- Welche Entwicklung zeichnet sich ab?
- Welche Kräfte wirken?
- Was kann ich beeinflussen?
- Was kann ich nicht beeinflussen?
- Wo überschätze ich mich?
- Wo unterschätze ich mich?
Und vor allem: Was verlangt die Situation von mir? Diese Fragen sind auch ohne jede religiöse oder esoterische Überzeugung wertvoll.
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